Roosevelts Krieg
Amerikanische Politik und Strategie 

Aus dem Literaturgebirge, das in den letzten fünfzig Jahren  über den Zweiten Weltkrieg zusammentragen wurde, ragt dieses Buch, das 1998 schon in zweiter Auflage erschien, wie ein etwas abseits stehender Mount Everest heraus. Bereits die Datierung im Titel lässt aufhorchen: „1937 bis 1945?“ Haben wir nicht in der Schule gelernt, dass der Zweite Weltkrieg 1939 mit Hitlers  „Überfall“ auf Polen begann?

Nicht, wenn man diesen Krieg aus der Sicht der Vereinigten Staaten von Amerika betrachtet, genauer: aus der Sicht ihres damaligen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Und diese Sichtweise wendet Dirk  Bavendamm konsequent an. Denn er hat sich von dem germanozentrischen und in  mancher Beziehung allzu simplen, wenn auch heutzutage noch für politisch korrekt  gehaltenen Weltbild gelöst, das seit einem halben Jahrhundert von Schulen, Universitäten und Medien in seltener Eintracht verbreitet wird, wenn es um die Vorgeschichte und Geschichte des Zweiten Weltkrieges geht.

Denn die Supermacht Amerika hat, wie Bavendamm darlegt,  seit dem Ersten Weltkrieg einen neuen Kriegsbegriff international durchgesetzt,  der im Grunde nicht mehr zwischen friedlichen und militärischen Mitteln unterscheidet und der sich auf einen über lange Zeiträume hinweg strategisch geführten Krieg bezieht. Während Kaiser Wilhelm und Hitler ihre außenpolitischen Ziele letztlich durch möglichst kurze Feldzüge erreichen wollten, was ihnen  bekanntlich nicht gelang, verfügten die USA bereits in den dreißiger Jahren über  ein so großes Arsenal von nichtmilitärischen und militärischen Möglichkeiten,  dass sie die Welt zunehmend nach ihren Wünschen gestalten konnten, und sie verfügten vor allem über sehr viel Zeit, um diese Möglichkeiten stufenweise bis  1945 auszuschöpfen. An vorderster Stelle stand dabei die Möglichkeit, „Krieg zu haben, ohne ihn zu machen,“ wie Roosevelt selbst es 1937 einmal im kleinen Kreis  formuliert hat.

Aber Bavendamms Buch setzt nicht erst mit dem Jahr 1937  ein, sondern schon sehr viel früher – fast könnte man sagen: bei der  US-amerikanischen Gründungsgeschichte. Im ersten Teil betrachtet der Autor nämlich die Voraussetzungen der US-amerikanischen Politik – die schillernde  Persönlichkeit des Präsidenten, das Problem des Isolationismus, die spannungsvollen  Relationen zwischen nationalem Interesse und universaler Sendung sowie zwischen Geographie und Strategie, die für eine globale See- und Luftmacht wie die USA im Grunde von  1776 bis heute gelten.

Im zweiten Teil seines Buches behandelt Dirk Bavendamm die Grundlagen von Roosevelts Politik – die Festung, die das damals noch weithin  unangreifbare Amerika zwischen den beiden Weltmeeren darstellte, die sog. Quarantäne-Politik, nach wie vor eines der wichtigsten Instrumente der  US-Außenpolitik im Umgang mit weltpolitischen Widersachern, die Koalition mit dem England Churchills, mit dem Rußland Stalins und mit dem China Tschiang-Kai Sheks, die Roosevelt einging, um Deutschland und Japan auf die Knie zu zwingen.

Teil drei ist den Zielen dieses US-amerikanischen  Präsidenten gewidmet – der Sicherung der westlichen Hemisphäre, deren Grenzen Roosevelt immer weiter in den Atlantik vorschob, bis er mit der Operation  „Overlord“ schließlich den Sprung auf das europäische Festland wagen konnte, der Zerschlagung der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan, die er erbarmungslos und mit langem Atem betrieb, der Entthronung Großbritanniens als  führende Welt-, See- und Kolonialmacht, die Roosevelt beerben wollte, um die USA  an ihre Stelle zu setzen, und der Errichtung der „einen Welt,“ in der seine Politik und Strategie schließlich gipfeln sollte, wenn es allein nach dem  US-amerikanischen Präsidenten gegangen wäre. Aber inzwischen hatte sich Roosevelt ja mit Stalin verbündet, der sich querlegte, so dass Bavendamm das  dritte Kapitel mit einem Abschnitt über die neue Bipolarität und den Kalten Krieg abschließt – höchst unerfreuliche Ergebnisse der Rooseveltschen Politik,  die neben seinem eigentlichen Ziel lagen und die erst nach dem Untergang der  Sowjetunion korrigiert werden konnten.

Im vierten und fünften Teil behandelt Dirk Bavendamm die militärischen Mittel der USA und deren wichtigste Operationen sowohl auf dem  atlantisch-europäischen, als auch auf dem pazifisch-ostasiatischen  Kriegsschauplatz. Vielleicht kann man diese beiden letzten Teile als dramatische  Höhepunkte seines in fast jeder Beziehung ungewöhnlichen und aufsehenerregenden Buches bezeichnen, denn Bavendamm weist nicht nur nach, dass Roosevelt den Aufbau seine Streitkräfte von langer Hand vorbereitet und konsequent durchgezogen hat, beginnend schon lange vor 1937. Er gewinnt der verwirrenden  Fülle von militärischen Ereignissen auch eine bestimmte Struktur ab, in der sich die USA unter Roosevelt bewegten und die schließlich auch das Geheimnis des  alliierten Sieges geworden ist. Hier ist besonders auf die gelungenen Übergänge  von der Defensive zur Offensive sowie von der Neutralität zur zielgerichteten  Wahrnehmung von casus-belli-Optionen zu verweisen, zwei Kapitel, die viel neues Material enthalten, die der Autor meisterhaft darstellt und die deshalb  besonders spannend zu lesen sind

Natürlich nimmt Dirk Bavendamm auch zu Pearl Harbor  Stellung. Viel Neues ist dazu nicht zu sagen, weil wichtige Aktenbestände in den  US-amerikanischen und britischen Archiven immer noch gesperrt sind und  vielleicht nie freigegeben werden, sollten sie für Roosevelt kompromittierendes Material enthalten. Bavendamm listet aber geduldig auf, was jetzt schon bekannt  ist, und lässt bei aller Vorsicht seines Urteils keinen Zweifel daran, dass dieser Präsident seine Soldaten auf Hawaii kaltblütig geopfert hat, um nach  einem jahrelangen sorgfältig geplanten und gesteuerten Vorlauf 1941 endlich  aktiv in den Krieg eingreifen zu können.

Wie gesagt, ein in fast jeder Beziehung ungewöhnliches und aufsehenerregendes Buch, das die politischen Tugendwächter hierzulande aufgescheucht hat. Wie sie argumentierten, kann man im Vorwort zur 2. Auflage  nachlesen – geradezu ein Schulbeispiel dafür, wie kurzatmig und z.T. polemisch Wissenschaft und Medien auf neue Denkansätze reagieren, anstatt sich mit ihnen ebenso sachlich wie gründlich auseinander zu setzen. Dabei hat der Historiker  und Publizist Dirk Bavendamm mit seinen beiden hervorragend dokumentierten und glänzend geschriebenen Roosevelt-Büchern – das erste über „Roosevelts Weg zum  Krieg,“ das bereits 1983 erschien, ist leider seit vielen Jahren vergriffen – nicht nur eine neue zeitgeschichtliche Denkschule begründet. Er hat auch nachhaltig zum tieferen Verständnis der einzigen und voraussichtlich letzten  Supermacht von heute beigetragen.

Dirk Bavendamm: Roosevelts Krieg.  Amerikanische Politik und Strategie ; 2. durchgesehene und erweiterte  Auflage, München Seiten, 80 Karten und Abbildungen; 68,00 DM/34,77 €; ISBN