Gratulation zum 90. Geburtstag: Professor Dr. Konrad Löw

Wenn in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2021 die Hauptrednerin bekannte: „Ich stehe hier als stolze Deutsche vor Ihnen“, kann dies nur als Revision jener pauschalen Verurteilungen gewertet werden, der sich „Nur-Deutsche“ trotz mancher Bedenken anschließen sollten. Eine Herausforderung ist dieses Bekenntnis von Charlotte Knobloch allemal, schließlich stammt die Äußerung von der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. So Professor Dr. Konrad Löw in seinem soeben erschienenen Buch „Stolz ein Deutscher zu sein? Das verräterische Schweigen der Widerkläger und die Zivilcourage“ (Mit einem Vorwort von Ministerpräsident a.D. Werner Münch). Löw, der als Jurist u.a. im Verwaltungsdienst des Freistaates Bayern und des Bundes tätig war, sowie als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Bayreuth wirkte, begeht am 25. Dezember seinen 90 Geburtstag. Der SWG-Vorstand gratuliert Konrad Löw dazu ganz herzlich – verbunden mit dem freundschaftlichen Zuruf: „Ad multos annos!“ Bernd Kallina hat sein o.g. Buch für SWG-aktuell rezensiert:

„Stolz ein Deutscher zu sein?“

Professor Konrad Löw und das Bekenntnis von Charlotte Knobloch

VON BERND KALLINA

Rechtzeitig zu seinem 90. Geburtstag (am 25. Dezember 2021) hat Professor Dr. Konrad Löw, wahrlich „ein Weihnachtskind“, sein neues Buch vorgelegt, das es auf 104 Seiten in sich hat: „Stolz ein Deutscher zu sein? Das verräterische Schweigen der Widerkläger und die Zivilcourage“, so der Titel. In ihm greift der Autor das Bekenntnis der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, auf, als sie in einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2021 bekannte „Ich stehe als stolze Deutsche vor Ihnen“. 

Dieses für viele überraschende Bekenntnis stellte Löw zunächst einmal als Frage an sich selbst, worauf Ministerpräsident a.D. Werner Münch im Vorwort hinweist, um es – nach gewissenhaften Abwägungen des Autors – mit einem klaren Ja zu beantworten. Löw, früher etwas zögerlich bei der Begrifflichkeit „National-Stolz“ und eher der „Vaterlands- liebe“ zugeneigt, bekennt sich heute unumwunden als „stolzer Deutscher“!

Was ist daran ungewöhnlich, ja in gewisser Weise sogar sensationell? Weil Löws Bekenntnis, wortgleich mit dem von Charlotte Knobloch, einen klaren Gegenpart darstellt zu den schier überdimensionalen und pauschalen Schuld-Stigmatisierungen der Deutschen im Gefolge der verbrecherischen NS-Diktatur, die positive Gefühle für das „Täterland“ praktisch ausschließen.  Mit den bekannten, verhängnisvollen Folgen: Maßgebliche Vertreter der BRD-Elite haben durch ihre jahrzehntelange selektive Geschichtspolitik jene politisch-psychologische Lage herbeigeführt, die ein bejahendes Selbstbild der Deutschen – von Stolz auf das Eigene ganz zu schweigen – faktisch verhinderte. Während deren Akteure sich darin gefallen, das nationale Narrativ unseres Landes täglich negativ aufzuladen, nimmt Löw eine andere Position ein.

 Victor Klemperers Schlüsselsatz: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“

Er suchte und fand dabei neue, bisher weitgehend unbeachtete historische Quellen, vor allem jüdische: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“, war z.B. der 1941 geschriebene Schlüsselsatz aus den Tagebüchern des Juden Victor Klemperer, der Löw vor Jahren auf die erfolgreiche Spurensuche nach weiteren Zitaten ähnlicher Art führte. Mit der Erwartung, dass sich eigentlich die bisher geltenden Geschichtsbilder verändern und einseitige Erklärungsmuster an Bedeutung verlieren müssten. Aber: soweit ist die Lage in Deutschland (noch) nicht, denn die Verteidiger der traditionellen Schuld-Narrative stellen sich ebenso blind wie taub, sie ignorieren beharrlich Löws quellengesättigten Ergänzungen. Oder reagieren mit aggressiven Zurückweisungen, nicht selten dabei die Revisionismus- oder  Faschismuskeule schwingend…..

Die sich daraus ergebenden Konflikte sind der Kern des lesenswerten Buches, denn Löw benennt seine Gegner. Es sind führende Repräsentanten des politisch-medialen Komplexes: Journalisten der WELT, der Frankfurter Rundschau, der taz, auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Im Wissenschaftsbereich: Die Universität München, die Görres-Gesellschaft, das Institut für Zeitgeschichte. In der Gerichtsbarkeit: Verwaltungsgericht, Oberverwaltungsgericht, Landgericht, Bundesverfassungsgericht und der Hamburger Richterverein. Im Bereich der politischen Stiftungen: die Konrad-Adenauer-Stiftung sowie die Hermann-Ehlers-Akademie. Hinzu kommen: die Bundeszentrale für politische Bildung, Wikipedia, Studentenverbindungen, der Pächter eines Vortragssaales, aber auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in politischer Verantwortung wie den Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter, und die ehemaligen Bundesminister Jochen Vogel und Theo Weigel. Nicht zuletzt weist Löw auf gravierende Defizite in Darstellungen der Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums in München hin.

Das erschütternde Phänomen bei den genannten Institutionen und Personen besteht in den von Löw präzise wiedergegebenen Diskursverweigerungen. Wer die Schriftsätze liest, greift sich an den Kopf und fragt sich: Hat denn ein erheblicher Teil unserer bundesrepublikanischen politischen Bildung ausgerechnet im Bereich zeitgeschichtlicher Fragen wenig gefruchtet? Hieß nicht die Folgerung aus zwei Diktaturen auf deutschem Boden: In einer rechtsstaatlichen Demokratie sei nunmehr ein „rationaler Dialog mündiger Bürger“ der politisch unausgewogenen (Auftrags-)Kommunikation vorzuziehen? Wo bleiben die 68er Repräsentanten, die zu ihrer aufmüpfigen Zeit doch alles und jedes „hinterfragten“, um tatsächliche oder vermeintliche  „autoritäre“ Strukturen im Land der Dichter und Denker aufzubrechen? Warum hinterfragen sie nicht offenkundige Leerstellen in der Zeitgeschichtsschreibung? Offenbar war auch der so viel gelobte „Herrschaftsfreien Diskurs“ von Jürgen Habermas nur als Echoraum für ideologie-konforme Linksintellektuelle gedacht.

Das zentrale Thema, dem sich Konrad Löw in den letzten beiden Jahrzehnten gewidmet hat, einem hochexplosiven Minenfeld gleich, ist zweifellos die Judenverfolgung im Dritten Reich. Der Autor rüttelt am historisch-korrekten Dogma, das etwa der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, Sohn deutsch-jüdischer Eltern, wie folgt auf den fragwürdigen Punkt bringt: „Die Erkenntnis, dass alle Bereiche der deutschen Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus an der Entrechtung und Ausrottung der Juden beteiligt waren, während jene, die nicht direkt beteiligt waren, kalte Apathie…zeigten, ist heute in der Geschichtsforschung unumstritten.“ Stimmt das denn wirklich?

Hier widerspricht Löw und präsentiert mit seinen Büchern (u.a. „München war anders“; „Deutsche Schuld 1933 – 1945“ oder „Die Stimmen der Opfer“) Hunderte von jüdischen Quellen, die in eine andere Richtung weisen. Dazu Werner Münch im Vorwort: „Löw weiß und negiert es nicht, dass es unter Hitler eine mörderische Judenverfolgung mit vielen Helfern gegeben hat. Aber es gab auch eine Zahl von Zeitzeugen, überwiegend Juden, die sich dazu bekannten, dass viele Deutsche, auch Nicht-Juden, den Hass gegen die Juden und die Judenverfolgung nicht befürwortet und nicht mitgemacht haben.“ Der Vollständigkeit halber gehören letztere sicher zum „ganzen Bild der Geschichte“, die einst Bundespräsident Roman Herzog in seinen Reden so eindringlich anmahnte.

Klar, Löw widerlegt mit seinen unerwünschten Quellenfunden die pauschale und unkritische Legende von den Deutschen als „Tätervolk“ und das missfällt einflussreichen Legendenhütern der anderen Seite. Aber Gott sei Dank steht Löws Widerspruch nicht allein. Seine auch im Alter von 90 Jahren ungebrochene Zivilcourage hat ihm sogar bedeutende jüdische Verbündete zur Seite gestellt. Einer davon heißt Professor Alfred Grosser, Franzose, NS-Opfer, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er ermutigt Löw immer wieder durch freundschaftliche Zurufe wie: „Lasst uns trotzdem weiterkämpfen!“

Konrad Löw: „Stolz ein Deutscher zu sein? Das verräterische Schweigen der Widerkläger und die Zivilcourage“, Gerhard-Hess-Verlag, Bad Schussenried 2021, 104 Seiten, 16,80 Euro.

Foto: Prof. Dr. Konrad Löw. Quelle: Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt.

One thought on “Gratulation zum 90. Geburtstag: Professor Dr. Konrad Löw

  1. Werter Professor Dr. Konrad Löw
    Herzlichsten Dank und ein aufrichtiges Vergelt´s Gott in allerdeutlichst verschärfter Form für Ihre
    herausragenden Bücher, die Pflichtlektüre an allen Schulen und Universitäten sein sollten in einem
    Rechtsstaat, der diesen Namen auch zu (Un-)Recht trägt !
    Wünsche Ihnen und Ihrer Familie ruhige, friedvolle, besinnliche und gesegnete Feiertage und ein
    gutes, erfolgreiches, glückliches und vor allem gesundes Neues Jahr 2022 !

    Mit kameradschaftlichen Grüßen, Ralf Beez Oberfeldwebel der Reserve

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