Vor 80 Jahren: „Pearl Harbour“

Ob der japanische Angriff auf die US-Marinebasis „Pearl Harbour“ auf Hawaii am 7. Dezember 1941 tatsächlich ein „Überfall“ war, oder ob die amerikanische Führung von den Plänen der Japaner Kenntnis hatte und sie gewähren ließ, um einen willkommen Vorwand zu haben, in den Krieg einzutreten, ist bis heute umstritten. Dr. Stefan Scheil macht aber in dem folgenden Artikel, der am 7.12.2021 auf „JF-Online“ erschienen ist, klar, dass die USA damals bereits seit vielen Jahren den Plan verfolgten und auch konsequent umsetzten, nicht nur Europa mit Krieg zu überziehen.

Ein Land im Standby-Modus

von Dr. Stefan Scheil

 

Fünf Millionen US-Soldaten am 1. Juli 1943 in Europa! Diese Ankündigung konnten die Leser der Chicago Tribune am 2. Dezember 1941 auf der Titelseite ihrer Zeitung lesen. Sie taten das als Einwohner eines Landes, das sich aktuell mit niemandem in Europa im Krieg befand. Regiert von einem Präsidenten, der gerade vor einem Jahr mit dem Versprechen wiedergewählt worden war, dort auch künftig an keinem Krieg teilnehmen zu wollen. Demnach sollte diese Pressemeldung ein politisches Erdbeben ausgelöst haben, könnte man denken. Das stimmt aber nur sehr bedingt.

Was die Chicago Tribune in die Welt brachte, beruhte auf einem der gravierendsten Informationslecks, das eine US-Regierung bis heute je zur Kenntnis nehmen mußte. Die Whistleblower des frühen 21. Jahrhunderts, wie Edward Snowden oder Julian Assange, hatten siebzig Jahre später zwar in der Masse an Dokumenten wesentlich mehr, in der Qualität jedoch deutlich weniger zu bieten. Denn hier stand in der Zeitung tatsächlich die Wahrheit über die US-amerikanischen Kriegspläne zur Vernichtung der Dreimächtepaktländer Deutschland, Italien und Japan, vor allem aber Deutschlands. Die Vorlagen dafür waren der Presse inhaltlich korrekt und vollständig zugespielt worden, aktuell und akkurat.

Seit Jahren liefen die Vorbereitungen für die Operation Victory auf Hochtouren. Die extreme Aufrüstung der US-amerikanische Flotte, deren ab 1942 frisch in Dienst gestellte Großkampfsschiffe die japanischen Einheiten im Pazifik überwältigen sollte, begann in Konzeption, Kiellegung und Bau bereits seit Mitte der 30er Jahre. Modelle für strategische Bomber und anderes Flugmaterial nebst Produktionsplanungen waren auch im Frühjahr 1941 längst fertiggestellt. Man könne dem potentiellen US-Verbündeten in Großbritannien problemlos 1.300 Flugzeuge liefern, hieß es in einem Gutachten im Frühjahr. Pro Monat, nicht pro Jahr.

Begrenzt werde das alles nur von der Fähigkeit der Briten, Piloten auszubilden, der US-Eigenbedarf sei gleichzeitig problemlos zu decken. Ein im August 1941 fertiggestelltes Konzept sah die Aufstockung der US-Luftwaffe auf 60.000 Flugzeuge vor. Darunter sollten genug schwere Bomber mit großer Reichweite sein, um Deutschland von Nordirland und Nordafrika entscheidend angreifen zu können. Unabhängig von allen möglichen Entwicklungen in Europa oder der britischen Hauptinsel.

Pläne für eine Militärintervention in Europa bestritten USA nicht

Nun aber auch noch US-Bodentruppen in Europa. Konnte das sein? Es konnte. Die US Army hatte den Oberstleutnant und späteren General Albert Wedemeyer damit beauftragt, diesen Aspekt 1941 als Teil des Gesamtplans federführend auszuarbeiten. Zwar würden auch „halbherzige“ Anstrengungen der USA wohl ausgereicht haben, Deutschland zu besiegen, erzählte der nach dem Krieg der Presse. Doch besser sei es gewesen, gleich aufs Ganze zu gehen und zehn Prozent der US-Bevölkerung als unmittelbaren Teil der Streitkräfte einzuplanen. Das wären nach damaligem Stand 14 Millionen Personen gewesen. Erreicht wurden bis 1945 dann insgesamt 13 Millionen, also habe er doch wohl richtiggelegen, stellte Wedemeyer im Interview später fest. Fünf Millionen Mann für Europa im Jahr 1943 ließen sich da problemlos bereitstellen.

Überhaupt machte sich niemand aus der US-Regierung jemals die Mühe, den Inhalt des Presseberichts aus Chicago zu bestreiten. Als das deutsche Auswärtige Amt im Jahr 1940 Dokumente zur treibenden Rolle der US-Diplomatie im Vorfeld des Kriegsausbruchs von 1939 publiziert hatte, hieß es aus Washington noch, dies seien Fälschungen. Das waren sie zwar nicht, weswegen sie 1945 in Europa auch eingesammelt wurden und für Jahrzehnte nachrichtenlos im Archiv und bis heute mehr oder weniger aus der Geschichtsschreibung verschwanden. Den jetzt 1941 veröffentlichten Plan für eine Millionenarmee, die relativ zeitnah in Übersee eingesetzt werden sollte, bestritt das offizielle Washington aber nicht.

Es gab Ermittlungen, wer denn genau die Informationen der Presse gegeben hatte. Sie führten in höchste Kreise. Als Kontaktmann zur Presse wurde der als „America First“-Isolationist bekannte Senator David Walsh identifiziert, als dessen Informant der Chef der Heeresluftwaffe, General Henry Arnold. Bereits im Mai 1942 wurde allerdings beschlossen, den Deckel dieser Akte zu schließen. So kam der eigentliche Skandal nie zum Tragen, wie hier ein Präsident trotz anderslautender Ankündigungen systematisch eine weltweite Militäroffensive plante. Das lag natürlich auch an den Ereignissen nur wenige Tage später.

Geradezu wie gerufen griff die japanische Marine am 7. Dezember 1941 die amerikanische Flotte in Pearl Harbor auf Hawaii an und eröffnete den Krieg, für den die USA sich so umfassend vorbereitet hatten. Dieser Schritt befreite US-Präsident Franklin Delano Roosevelt endlich aus der mißlichen Lage, die Dreimächtepaktstaaten mittels Boykottmaßnahmen, Drohungen, Unterstützung von deren Gegnern auf allen Ebenen und seit September 1941 im Fall Deutschlands auch mit Schießbefehl anzugreifen, zugleich aber öffentlich stets so tun zu müssen, als seien es diese „Schurkenstaaten“, die den Krieg mit den USA suchten.

Alles lief in amerikanischem Sinn

Angesichts dieses Verhaltens traute der isolationistische Teil der Opposition dem Präsidenten ohnehin alles zu. Die ausgebliebenen Dementis in den Tagen zwischen der Veröffentlichung der Chicago Tribune und dem japanischen Angriff schienen dann zusammen mit der späteren Einstellung der Ermittlungen auch darauf hinzudeuten, daß deren Publikation dem Weißen Haus eventuell gar nicht so unrecht gewesen sei.

Nach dem Schießbefehl vom September, der sich auf deutsche Schiffe bezog, stellte die undementierte Absichtserklärung einer US-amerikanischen Invasion in Europa endgültig eine Kriegserklärung an Deutschland dar. Diese war nun demnach in der Welt. Das Weiße Haus würde Wege finden, seine damit verbundenen Absichten in Europa zu verwirklichen, wie dies bereits bisher trotz der steten Versuche aus Berlin erfolgt war, die Eskalation der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu stoppen und dem Konflikt auszuweichen.

Ob es dabei zu einer formalen amerikanischen Kriegserklärung an Deutschland gekommen wäre, bleibt Spekulation. Nur wenige Jahre später bewies der Vietnamkrieg, der formaljuristisch nie erklärt wurde, daß die USA auch große Kriege auf fremdem Territorium ohne eine solche zu führen bereit waren. Aber auch von solchen Problemen wurde die Roosevelt-Administration befreit, als der deutsche Staats- und Parteichef am 11. Dezember nicht nur seinerseits den schon länger faktisch herrschenden und von den USA ausgehenden Kriegszustand zwischen beiden Ländern feststellte, sondern dem US-Geschäftsträger in Berlin nach altväterlicher Sitte die Pässe zustellen ließ.

Alles lief also in amerikanischem Sinn. Die am Chicagoer Artikel beteiligten Personen blieben im Amt und wurden während des Krieges befördert. Der 1941 skizzierte Zeitplan für die Invasion wurde gehalten, wenn auch inhaltlich modifiziert. Am 10. Juli 1943 landeten die ersten US-Soldaten in Europa, aber vorerst nur in Italien, nicht wie geplant in Frankreich.

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