Serie: 150 Jahre Reichsgründung

150 Jahre deutsche Reichsgründung

„Uns aber und Unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“1

Die Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches vor 150 Jahren

von Stephan Ehmke

Die Zeremonie der Proklamation des Zweiten Deutschen Kaiserreiches, die am 18. Januar 1871 ab 12 Uhr in der „Galerie des Glaces“ (Spiegelsaal) des Schlosses zu Versailles stattfand, war weniger pompös, als es die berühmte bildliche Darstellung Anton von Werners vielleicht vermuten lässt2. Sie stellte auch keine demonstrative Demütigung Frankreichs dar, wie bis heute vielfach behauptet wird. „Man war halt da“: Der Krieg gegen die Republik Frankreich war noch in vollem Gange, die Hauptstadt Paris war eingekreist und wurde beschossen; zwei deutsche Armeen befanden sich im Kampf gegen republikanische Truppen an der Loire und in den Vogesen.3 Der König von Preußen als Oberbefehlshaber der verbündeten deutschen Heere hatte sein Hauptquartier vor Ort, die meisten deutschen Fürsten waren seit längerem vor Paris anwesend. Es fehlte der König von Bayern, der im Namen aller deutschen Fürsten bereits im November 1870 die formelle Bitte an den König von Preußen gerichtete hatte, die deutsche Kaiserkrone anzunehmen.4 Am 18. Dezember 1870 hatte König Wilhelm eine Deputation des Reichstages des Norddeutschen Bundes unter Führung seines Präsidenten Eduard von Simson empfangen, die denselben Wunsch an Seine Majestät herantrug.

Die Zeremonie selbst war unaufwendig und ging recht zügig vor sich: Nach Eintreffen König Wilhelms mit dem preußischen Kronprinzen hielt Oberhofprediger Rogge im Spiegelsaal einen kurzen Gottesdienst an einem improvisierten Altar ab, es folgte die Proklamation selbst in Form einer kurzen Ansprache Wilhelms, eingerahmt von den Fahnen seiner alten Regimenter, mit einer Danksagung an die anwesenden deutschen Fürsten sowie die Bekräftigung seiner Einwilligung, die Kaiserkrone anzunehmen; anschließend verlas Graf Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes, die von ihm verfasste Proklamation des neuen Kaiserreiches, welche mit der oben zitierten Formel endete5. Die Zeremonie wurde beschlossen durch den Ruf des Großherzoges Friedrich I. von Baden: „Es lebe Seine Majestät der König und Deutsche Kaiser hoch!“.6 Danach ging man zum Essen und sodann wieder zum Dienst. Es war schließlich ein Krieg zu führen.

Zweifellos hätte der neue Kaiser die feierliche Proklamation lieber in Berlin durchgeführt und im Frieden. Denn das neue Reich sollte – wie die Schlussformel der Proklamation sagte – ein Reich das Friedens werden. Und das wurde es auch, für Deutschland und Europa. 43 Friedensjahre, nicht zuletzt Dank des Reichsgründers Otto von Bismarck, dessen geniale Außenpolitik ein Europa des Gleichgewichts schuf, mit einem „saturierten“ Deutschen Reich als „ehrlichem Makler“. In diesen Friedensjahren stieg Deutschland, der jüngste Nationalstaat Europas, zu einer Großmacht auf. In einer atemberaubenden Entwicklung gelangte es weltweit an die Spitze von Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Kultur. Andere Länder übernahmen seine Verfassung, Wirtschafts- und Sozialordnung sowie sein Militärsystem.

Das Deutsche Reich von 1871 war ein Rechtsstaat. Es gab Grundrechte, Gewaltenteilung, die Bindung der staatlichen Gewalt an das Recht und freie Wahlen. Die Rechtssicherheit des Bürgers stand derjenigen in der Bundesrepublik nicht nach, vielleicht übertraf es sie sogar in Teilen. Im Oktober 1918 war das Kaiserreich eine konstitutionelle, parlamentarische Monarchie mit voller Verantwortlichkeit der Regierung gegenüber dem in freien, geheimen und gleichen Wahlen bestimmten Reichstag. Eines Sturzes der Monarchie hätte es nicht bedurft – im Gegenteil. Der Historiker Golo Mann sagte, wenn es 1933 in Berlin, Dresden, Stuttgart und München Könige gegeben hätte, wäre die Machtergreifung Hitlers sehr unwahrscheinlich gewesen.

Deshalb können wir die Diskussion um das Verbot der nationalen Symbole des Deutschen Kaiserreiches nur mit großem Erstaunen verfolgen, denn sie ist von horrender historischer Unkenntnis, ja geradezu Ignoranz geprägt. Die Kaiserliche Kriegsflagge mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen, ist gerade zu absurd. Bekanntlich hat Hitler die Fahne seines „3. Reiches“ in regelrechter Verballhornung der alten Farben Schwarz-Weiß-Rot entworfen. Nichts war ihm mehr verhasst als die „reaktionäre“ Monarchie der Hohenzollern. Zu Recht hat im letzten Jahr ein Gericht das Flaggenverbot des Landes Bremen aufgehoben mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit und der Tatsache, dass das Zeigen der Kaiserlichen Flagge nicht unter Strafe steht.

Wir Deutsche haben allen Grund, mit Stolz und Dankbarkeit auf das Reich von 1871 zu blicken. Die heutige Stellung Deutschlands in der Welt – kulturell, sozial, wissenschaftlich und wirtschaftlich – wäre ohne seine Erfolgsgeschichte überhaupt nicht denkbar.

Die SWG wird anlässlich des Jubiläums in den kommenden Wochen an diese Erfolgsgeschichte erinnern. Wir veröffentlichen auf dieser Seite Beiträge, welche die unterschiedlichen Aspekte des Deutschen Kaiserreiches beleuchten und deutlich machen, warum sie für uns auch heute noch – und gerade heute wieder – Vorbild sein können. Der damals von den Deutschen herbeigesehnte, umgrenzte Nationalstaat wird auch in Zukunft die alleinige Voraussetzung für die Entwicklung unseres souveränen, freien und friedlichen Gemeinwesens sein.

1Aus der Proklamation den Deutschen Kaiserreiches vom 18. Januar 1871, zitiert nach Fontane, Theodor: Der Krieg gegen Frankreich, Band 2, Seite 760. Berlin, 1876.

2Anton von Werner (1843 – 1815) fertigte verschiedene Versionen der Proklamationszeremonie an. Mit einigen kleinen Ausnahmen sind sie originalgetreue Wiedergaben des Geschehenen. Werner war selbst anwesend. Mehr zu den Gemälden hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Proklamierung_des_deutschen_Kaiserreiches_(18._Januar_1871)

3Zu der militärischen Vorgeschichte bis zur entscheidenden Schlacht bei Sedan am 1./2. September 1870 siehe die Darstellung des Verfassers hier.

4Wortlaut des Schreibens bei Fontane, S. 756.

5 Wortlaut der Proklamation hier.

6Eine Beschreibung der gesamten Zeremonie in Versailles bei Fontane, S. 756ff. a

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